DFG-Forschergruppe 393
Wechselwirkungen zwischen Naturwissenschaft und Technik: Formen der Wahrnehmung und Wirkung im 20. Jahrhundert

Sprecher: Helmuth Trischler

Die Wechselbeziehungen zwischen Wissenschaft und Technik sind im 20. Jahrhundert auf mehreren Ebenen zunehmend problematisch geworden. Auf der einen Seite fand bei ständig steigender Komplexität eine Verwissenschaftlichung der Technik und eine Technisierung der Naturwissenschaften statt. Demgegenüber steht eine vor allem seit den siebziger Jahren wachsende Skepsis großer Teile der Bevölkerung gerade gegenüber stark verwissenschaftlichter Technik und eine äußerst schleppende Umsetzung der zahlreichen neuen Technologien in arbeitsmarktwirksame Produktion. Im Unterschied zu bisherigen Forschungsansätzen untersucht die Forschergruppe die Frage, inwieweit sich der säkulare Wandel in den Wechselbeziehungen zwischen Naturwissenschaft und Technik im Charakter der neuen Technologien niedergeschlagen hat. Dabei werden die Charakteristika des Wandels auf der Angebotsseite rekonstruiert. Gegenstand der Untersuchung sind nicht die Einzelwissenschaften, sondern explizit deren Wechselbeziehungen, wie sie sich auf folgenden fünf Ebenen manifestieren: Konstruktion des Nutzers durch den Ingenieur und Produktentwickler, Verschränkung von technischem Anwendungsbezug und wissenschaftlichem Erkenntnisinteresse in der Physik, Technisierung des naturwissenschaftlichen Labors, räumliche Verdichtung von Wissenschaft und Technik in High-Tech-Regionen und inhaltliche Priorisierung von Forschung in der Forschungspolitik. Gemeinsam ist den Teilprojekten nicht nur das leitende Erkenntnisinteresse, sondern auch die Methodik des deutsch-amerikanischen Vergleichs.

Die Forschergruppe des Münchner Zentrums für Wissenschafts- und Technikgeschichte wurde im Herbst 2000 von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) eingerichtet und läuft in der zweiten Phase bis zum Jahr 2007.

Projekte:

Assoziierte Projekte:

Strömungsforschung/Aerodynamik: Physik zwischen naturwissenschaftlich und technologisch orientierter Forschung

Projektleiter: Jürgen Teichmann
Projektbearbeiter: Michael Eckert

Am Beispiel von Ludwig Prandtl und seiner Schule wurden im ersten Dreijahreszeitraum (2001-2003) die Anfänge der modernen Strömungsforschung bis zum Zweiten Weltkrieg dargestellt. Dabei stand die Etablierung der Strömungsforschung als Ingenieurwissenschaft im Zentrum. Die daraus resultierende Monographie erscheint in Kürze (M. Eckert: The Dawn of Fluid Dynamics. A New Discipline Between Science And Technology. Berlin: Wiley-VCH, ISBN 3-527-40513-5). Die zweite Projektphase (2004-2006) ist dem Nachkriegszeitraum bis zu den 1960er Jahren gewidmet; das wachsende Interesse der Physik an der Strömungsforschung rückt dabei in den Mittelpunkt. Astro- und Plasmaphysik Magnetohydrodynamik) beruhen ganz wesentlich auf Erkenntnissen der Strömungslehre. Besonderes Interesse verdient die Turbulenzforschung, die sowohl in der Technik als auch in der Physik (nichtlineare Dynamik) eine große Rolle spielt.

E-Mail: m.eckert@deutsches-museum.de

Software Engineering zwischen formalwissenschaftlicher Informatik und nutzergeprägter Praxis

Projektleiter: Helmuth Trischler
Projektbearbeiter: Timo Leimbach

Als Reaktion auf die Software-Krise wurde mit dem Software Engineering gegen Ende der sechziger Jahre ein neues Gebiet der Informatik mit dem Ziel geschaffen, die industrielle Programmierung an ingenieurswissenschaftlichen Prinzipien auszurichten. Mit diesem Schritt wurde die Frage der Programmierung ein zentraler Punkt in den Diskussionen über mögliche Entwicklungsperspektiven des Computers und seiner Anwendungsgebiete. Ausgehend von der Konferenz von Garmisch-Partenkirchen und dem fast gleichzeitigen "Unbundling" von IBM, welches letztlich den Weg frei machte für die Entstehung einer kommerziellen Softwarebranche, soll das Forschungsprojekt untersuchen, ob und welche Formen der Wechselwirkungen und der Wahrnehmung es im Bereich Software Engineering zwischen der eher formalorientierten, von der Mathematik geprägten Wissenschaft Informatik, insbesondere des Teilgebiets Software Engineering, und der eher von Benutzerbedürfnissen geleiteten Praxis im Laufe der "langen siebziger Jahre" in Deutschland gegeben hat und anhand einer historischen Untersuchung der Entwicklung der deutschen Softwarebranche und deren Bedeutung im internationalem Vergleich sowie mehreren praxisbezogenen Fallstudien (u. a. Telefunken und GMD) herausgearbeitet und dargestellt werden.

E-Mail: T.Leimbach@deutsches-museum.de

Rationalitätsfiktionen am Beispiel des Dieselmotors

Projektleiter: Ulrich Wengenroth
Projektbearbeiter: Christopher Neumaier

Das historisch-theoretische Projekt untersucht auf der Basis des von Uwe Schimank konzipierten theoretischen Gerüsts der "Rationalitätsfiktionen" Konsumentscheidungen bei technologieintensiven Gütern. Mittels "Rationalitätsfiktionen" werden Präferenzen für ein bestimmtes Gut gerechtfertigt und dienen dabei gleichzeitig als Entscheidungsentlastung.

Als Fallbeispiel wird die Entstehung unterschiedlicher "Rationalitätsfiktionen" in Bezug auf den Dieselmotor im Vergleich Deutschland-USA herausgearbeitet werden. Hierzulande haben Dieselautomobile den Ruf "sparsam, haltbar und umweltschonend" zu sein, wohingegen die Amerikaner ihre ablehnende Haltung mit den Argumenten, Diesel seien "smelly, dirty, and hart to start in winter" rechtfertigen.

E-Mail: Christopher.Neumaier@mzwtg.mwn.de

Innovationsnetzwerke im wissenschaftlichen Instrumentenbau in den USA und Deutschland, 1960-1980

Projektleiter: Carsten Reinhardt
Projektbearbeiter: Thomas Steinhauser

1960-1980 hat die magnetische Kernresonanzspektrometrie (Nuclear Magnetic Resonance, NMR) als neue analytische Methode die Praxis der Chemie und benachbarter biowissenschaftlicher Disziplinen verändert und neu geprägt. Eine zentrale Rolle beim Aufbau und der Koordination des entstehenden Innovationsnetzwerkes zwischen Wissenschaftlern, Industrie und staatlichen Förderungsinstitutionen spielten die zwei Instrumentenhersteller Varian (USA) und Bruker-Spectrospin (Deutschland, Schweiz). Analysiert wird dieses, teils lokale, teils überregionale und quer zu den traditionellen Disziplinen angelegte Beziehungsgeflecht.

E-Mail: thomas.steinhauser@psk.uni-regensburg.de

"Soft Facts of Engineering". Die Konstruktion des Nutzers in der verwissenschaftlichten Technik des 20. Jahrhunderts

Projektleiter: Ulrich Wengenroth
Projektbearbeiter: Heike Weber / Gwen Bingle
Homepage: >Designing the User

Teilprojekt: Mobile Zeiten: Entwicklung und Konsum tragbarer elektronischer Geräte, 1950-2000

Das Teilprojekt beschäftigt sich mit dem mobilen Technikkonsum tragbarer Unterhaltungs- und Informationsgeräte seit 1950. Und zwar wird untersucht, welche prospektiven Nutzervorstellungen die Industrie mit Massenkonsumgeräten wie dem Kofferradio, dem tragbaren Kassettenrecorder, dem Gameboy bis hin zum Handy verbunden hat und wie umgekehrt die Konsumenten selbst ihren eigenen Konsum gestalteten, also den prospektiven Nutzerkonstruktionen ähnliche oder möglicherweise auch abweichende Nutzerkonstruktionen entgegensetzten. Hierzu werden u.a. folgende Fragen untersucht: Womit wurde die "Mobilität" der Geräte - aus Sicht der Hersteller und aus Sicht der Anwender - begründet? Wie veränderten tragbare elektronische Geräte unsere Alltagspraxen? Zu welchen neuen Vorstellungen von Raum, Zeit, Körper und Identität führte der mobile Technikkonsum? Ziel ist es, anhand der Wechselwirkungen zwischen Konsum, Produktion sowie auch der konkreten materialen Ausformung der Geräte zu erklären, wie "Mobilität" in den letzten Dekaden zu einer zentralen Leitmetapher der postindustriellen Konsumgesellschaft und ihrer Konsumgüterindustrie wurde.

E-Mail: Heike.Weber@mzwtg.mwn.de

Teilprojekt: Under the Sign of the Body: technology, commodification and embodied consciousness in late 20th century Germany

Das Projekt befasst sich mit der medialen Vermittlung von sogenannten "lifestyle health technologies". Diese sind in Deutschland in den letzten zwei Dekaden unter dem Etikett der "fitness" oder der "wellness" sehr erfolgreich vermarktet worden und umfassen die Bereiche Ernährung, Bewegung, Kosmetika sowie alternative Heilpraktiken. Die Arbeit untersucht, wie diese Technologien zu einer neuen Wahrnehmung von Körpermanagement beitragen, und zwar an der Schnittstelle von Technik und Natur, von Schulmedizin und Ganzheitlichkeit, vom Konzept des Körpers-als-Maschine und dem des Körpers-als-Bewusstsein.

E-Mail: Gwen.Bingle@mzwtg.mwn.de


Assoziierte Projekte:

Funktechnik und Forschung 1900-1930: ein Vergleich USA - Deutschland

Oskar Blumtritt

Ausgehend von und abgrenzend gegenüber der eher epistemologisch orientierten Dresdener Schule sollen die jeweiligen Forschungsaktivitäten nun konzeptionell nach ihren Aktanten im Nach-Latourschen Sinne untersucht werden. Neben den Techniktheorien kommen daher die Artefakte und Verfahren in der frühen Funktechnik ebenso ins Spiel wie die Mentalitäten und forschungspolitischen Bedingungen in der akademischen und außerakademischen Forschung.

E-Mail: o.blumtritt@deutsches-museum.de

Der Telegrafenberg in Potsdam als Ort der geowissenschaftlichen Wissensproduktion zwischen Kaiserreich und deutscher Wiedervereinigung

Ralph Boch

Das Projekt thematisiert von den 1870er Jahren bis zur deutschen Wiedervereinigung die Entwicklung der geowissenschaftlichen Forschung an einem einzelnen Standort. Im Zusammenhang mit Fragen nach Kontinuitäten und Brüchen infolge der wiederholten politischen Umwälzungen soll dabei untersucht werden, inwieweit die Kategorie des "Raums" eine besondere Rolle spielte. Ausgangspunkt ist dabei die These, dass die physische und auch die durch Kooperation und Vernetzung erreichte Zugänglichkeit von Untersuchungsräumen für die "feldwissenschaftlichen" Disziplinen eine wichtige Größe bildete. Diese Räumlichkeit wiederum war im 20. Jahrhundert sowohl auf transnationaler als auch auf national-regionaler Ebene massiven Veränderungen ausgesetzt, - mit entsprechender Auswirkung auf die Wissensproduktion.

E-Mail: r.boch@deutsches-museum.de


Röntgenastronomie in Deutschland

Simone Jüngling

Das Dissertationsvorhaben beschäftige sich mit der Entstehung und Entwicklung der Röntgenastronomie als neuen Zweig der Astronomie in Deutschland und speziell mit der Entwicklung neuer Technologien. Hierzu gehört die Entwicklung des hochgenauen Wolter-Teleskops, um nicht nur Photonen sammeln zu können, sondern auch röntgenoptische Abbildungen hoher Qualität vom Röntgenhimmel zu erhalten. Bei dieser Entwicklung, die hauptsächlich vom Max-Planck-Institut für extraterrestrische Physik und der Firma Zeiss, Oberkochen, geleistet wurde, waren neue Herstellungs- und Meßverfahren erfordert, die auch noch bei aktuellen Projekten benutzt werden (z.B. ROSAT und seine Entdeckungen).

E-Mail: simone.juengling@freenet.de

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